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Entstehung der Berliner Keilschriftsammlung

1. Geschichte der Berliner Sammlung
Die Ursprünge der Berliner Keilschriftsammlung reichen in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts zurück. Der erste Lehrstuhl für Assyriologie wurde in Berlin im Jahre 1875 eingerichtet. Da man jedoch zu dieser Zeit in Berlin noch nicht über eine ausreichende eigene Sammlung von Keilschrifttexten verfügte, konnten die Studenten sich zuerst nur mit Handkopien oder Abgüssen von Keilschrifttexten befassen, die vornehmlich aus London stammten. Erst mit Ankäufen der Berliner Museen in den Jahren 1887 bis 1895 änderte sich die Lage. Zu dieser Zeit hatten Grabungen im Vorderen Orient, vor allem in Mesopotamien selbst, unter anderem französische und britische, aber durchaus auch offizielle sowie inoffizielle einheimische Grabungen dem europäischen Antikenhandel umfangreiches Inschriftenmaterial zugeführt, so daß auf diesem Wege zunächst auch ohne eigene Feldforschungen Erwerbungen möglich wurden. Als dann am 6. Mai 1899 das Vorderasiatische Museum gegründet wurde, verfügte es durch auf diese Weise zustande gekommene Erwerbungen bereits über eine mehr als 3000 Keilschrifttexte umfassende Sammlung. Diese Texte waren dem neu gegründeten Museum von der Ägyptischen Abteilung übergeben worden, die bis zu diesem Zeitpunkt alle westasiatischen Kunst- und Kulturgüter verwaltete. Selbst als in Babylon (ab 1899) und Assur (ab 1903) bereits die ersten eigenen Grabungen der Berliner Museen erfolgreich durchgeführt wurden, bemühte man sich immer noch darum, durch Ankäufe den Bestand an Keilschrifttexten zu einer wissenschaftlich interessanten und ausgewogenen Sammlung abzurunden.

2. Älteste Schriftdokumente in Berlin
Zu den interessantesten Ankäufen jener Zeit zählen Keilschrifttexte, die 1903 und danach in die Sammlung kamen: die Verwaltungsurkunden des sog. „Hauses der Frau“, eines agrarischen Großbetriebes des Stadtstaates Lagasch in Südmesopotamien aus dem 24. Jahrhundert v. Chr. Es sind Abrechnungs- und Planungsunterlagen für fast alle innerhalb einer solchen Organisation vertretenen Verwaltungsvorgänge, die einen umfassenden Einblick in die Abläufe früher agrarischer Produktion gestatten. Sie gehören zu einem mehr als 1700 Urkunden umfassenden Archiv, von dem Berlin 406 Exemplare erwerben konnte. Außer der sachlich-inhaltlichen Bearbeitung dienten diese Urkunden nicht zuletzt der Erforschung der sumerischen Sprache. Nahezu zeitgleich brachten die Ausgrabungen, die von der im Lande befindlichen Babylonexpedition in Fara, dem antiken Schuruppak (der Stadt der sumerischen „Sintflut“ in Südmesopotamien), durchgeführt wurden, weitere Texte aus der Frühzeit der Schriftkultur hervor. Von den weit über 1000 Tafeln und deren Fragmenten, die 1902 und 1903 in Fara geborgen wurden, gelangten mehr als 400 durch Fundteilung nach Berlin. Sie datieren in das 26. Jahrhundert v. Chr. und sind Teil einer umfassenden Schreibertradition, die nicht nur Verwaltungstexte überlieferte, sondern auch bedeutende literarische Dokumente der keilschriftlichen Gelehrtenwelt, darunter die sogenannten Götterlisten. Diese Texte, die in sumerischer Sprache verfaßt waren, gehörten mit den vorgenannten Urkunden damals zu den ältesten Schriftzeugnissen, über die ein europäisches Museum verfügen konnte. Sie sind noch heute wichtige Quellen zur Vertiefung unseres Wissens über die sumerische Sprache und Kultur.

3. Abrundung der Sammlung, Forschungsresultate und Editionen
Als das Museum 1911 aus seinem bis dahin provisorischen Domizil auf der Museumsinsel auszog, um bis 1930 im Kaiser-Friedrich-Museum zu verbleiben, war der Bestand an gekauften Tafeln schon auf über 8000 Exemplare angewachsen. Der damalige Direktor, Friedrich Delitzsch, der selbst zugleich auch Inhaber des Lehrstuhls für Assyriologie an der Berliner Universität war, hatte nicht nur dafür gesorgt, daß die Sammlung des Museums vergrößert wurde, sondern damit auch eine solide Grundlage dafür geschaffen, daß seine Studenten an originalem Museumsmaterial ausgebildet wurden. Noch heute besitzt die Berliner Keilschriftsammlung wegen ihrer bekannten Vielfalt und Ausgewogenheit, die sie in eine Reihe mit denen anderer großer Museen wie des British Museums oder des Iraq-Museums stellt, für die vielen Interessenten, die mit ihr arbeiten, eine große Anziehungskraft. Zu den Texten, die diesen Ruf der Sammlung begründeten, gehören nicht zuletzt auch Texte aus jenen Erwerbungen der Anfangszeit wie beispielsweise die Fragmente des berühmten Gilgameschzyklus in sumerischer und akkadischer Sprache und die Texte des Archivs von Tell el-Amarna. Als im Jahr 1903 nachdem in Susa die Stele mit dem Codex Hammurapi entdeckt worden war, dieser Text die Gemüter der Rechtshistoriker erregte, konnte die Berliner Sammlung sogar schon auf eine respektable eigene Vorlage von Rechtsdokumenten verweisen, wenn auch diese aus jüngerer Zeit stammten. Von Anfang an also war die Sammlung ein Ort lebendiger Forschungsarbeit an zeitgenössischen Quellen, eine Tradition der sie auch heute noch verpflichtet ist.

4. Editionstätigkeit nach dem 1. Weltkrieg
Nach dem Ende des 1. Weltkrieges, als die Mittel für den weiteren Ausbau der Sammlung fehlten und auch an Ausgrabungen vorerst nicht zu denken war, widmete man sich zunächst verstärkt der Editionsarbeit, die 1907 mit der Gründung der Schriftenreihe „Vorderasiatischen Schriftdenkmäler“ begonnen worden war. Als aus Assur die ersten Texte nach Berlin gelangten, startete auch hierzu eine eigene Schriftenreihe mit dem Titel „Keilschrifttexte aus Assur“. Diese Reihe machte vor allem in den zwanziger Jahren einen bedeutenden Urkundenbestand dieses Fundortes bekannt, und zwar vornehmlich historische und juristische Texte sowie solche religiöser Natur. In mancher Hinsicht können diese Werke noch heute als Standardliteratur des Faches betrachtet werden. Als herausragende Beispiele keilschriftlicher Literatur in der Sammlung, die in diesem Zusammenhang ediert wurden, seien hier nur das sogenannte „Mittelassyrische Rechtsbuch“, das „Götteradressbuch“ von Assur – und eine Sammlung bis zu diesem Zeitpunkt unbekannter, altassyrischer Herrscherinschriften, die hier erstmalig zusammengestellt wurden–, sowie Texte medizinischen Inhalts genannt.

5. Erwerb hethitischer Texte
Auch im Bereich der Hethitologie, einer Disziplin, an deren Herausbildung Berlin entscheidenden Anteil hatte, konnte sich die Sammlung profilieren. Mit den Schriftfunden in der alten Hethiterhauptstadt Hattuscha ab 1906 und der sich anschließenden Erforschung der in diesen Urkunden überlieferten, ältesten indogermanischen Sprache formierte sich ein Forschungszweig der Altorientalistik und Indogermanistik, der durch das im Museum aufbewahrte lnschriftenmaterial seine entscheidenden Impulse erhielt. Die Berliner Sammlung erwarb so wichtige hethitische Texte wie die Urkundenfragmente des Friedensvertrages zwischen Ramses II und Hattuschili III, des ersten Friedensvertrages der Weltgeschichte. Aber diese Berliner Sammlung ermöglichte der Hethitologie ihre stürmische Entwicklung, die vor allem von Fachleuten der damaligen Preußischen Akademie, später der Akademie der Wissenschaften der DDR getragen wurde, nicht nur dadurch, daß sie solche Texte erwarb, sondern auch dadurch, daß sie Tausende von Texten und Fragmenten aus türkischem Besitz bis zu ihrer Rückgabe im Jahr 1987 leihweise bewahrte und pflegte.

6. Archaische Texte der Ausgrabung von Uruk
Die Grabungen in Uruk, die 1928 begannen und deren Funde bis zum Ausbruch des 2. Weltkrieges in die Sammlung gelangten, erwiesen sich besonders hinsichtlich der ältesten Schriftkultur Mesopotamiens als äußerst ergiebig. Von hier kamen nicht nur die sogenannten archaischen Texte aus der Zeit des ausgehenden vierten Jahrtausends v. Chr. nach Berlin, die den Urprung der Keilschrift nachvollziehbar dokumentieren, sondern von hier stammen auch jene anfangs kaum beachteten „Dokumente“, die sogenannten Zählsteine, die als Erinnerungshilfen einer noch älteren Vorstufe der späteren, eine bestimmte Sprache wiedergebenden Schrift zuzurechnen sind. Durch sie wurde der historische Horizont, der durch die Berliner Sammlung vertreten wird, entscheidend erweitert.

7. Erweiterung der Sammlung um Texte der Grabungen in Assur und Babylon
Neben diesen ältesten Zeugnissen erforderten jedoch auch jene Schriftdokumente eine vermehrte Arbeit, die bereits 1927 von den Grabungen in Assur und vor allem von denen in Babylon in Berlin eingetroffen waren. Auch sie wurden einer Untersuchung und Edition zugeführt und zum ersten Mal in der zwischen 1930 und 1936 neu eröffneten Ausstellung im Pergamonmuseum teilweise präsentiert. Unter diesen Texten findet sich beispielsweise ein Bericht über Rationen mit der Erwähnung Jojachins von Juda aus Babylon (Babylonisches Exil). Ein Fragment eines astronomischen Textes aus dem Jahre 7/6 v. Chr. enthält einen Bericht über den „Stern von Bethlehem“.

8. Schicksal der Sammlung nach dem Ende des 2. Weltkriegs
In der Zeit des Nationalsozialismus und des 2. Weltkriegs wurden die Grabungs- und die Editionstätigkeit abgebrochen. Nach dem Ende des 2. Weltkrieges erfolgte zunächst der Wiederaufbau der Museen bevor durch Ausstellungsexponate oder in Form von Publikationen wieder Informationen über das interessante Material der Berliner Sammlung an die Öffentlichkeit gelangen konnten. Die Editionsreihen der „Vorderasiatische Schriftdenkmäler“ und der „Keilschrifturkunden aus Boghazköy“ waren bald wieder etabliert und boten gerade unter den schwierigen politischen Bedingungen eine gern genutzte Möglichkeit, die internationale Zusammenarbeit bei der Erforschung des sprachlichen Materials aus Vorderasien wieder aufleben zu lassen. Trotz dieser Wiederaufnahme der Zusammenarbeit war jedoch an eine Erweiterung der Sammlung kaum mehr zu denken. Zum einen standen keinerlei Mittel zur Verfügung, um auf dem (westlichen) Kunstmarkt neue Texte hinzu zu kaufen, zum anderen schloß die veränderte Rechtslage in den Herkunftsländern der Funde aus, daß selbst bei einer Wiederaufnahme von Grabungen die Berliner Sammlung noch um Fundstücke aus solchen Grabungen hätte legal erweitert werden können.

Infolgedessen verlagerte sich der Schwerpunkt des Interesses an der Sammlung. Für längere Zeit wurde die Erschließung der Sammlung zu einer der Hauptaufgaben des Museums als Forschungs- und Lehrinstitut. Diesem gelang es, vermehrt internationale Kontakte zwischen Ost und West zu knüpfen und zu erhalten. Die Sammlung bot und bietet noch heute vielfältige Möglichkeiten der Lektüre für Studierende und für Fachkollegen aus aller Welt und wurde aufgrund ihrer Bedeutung mehrfach in größere Forschungsprojekte aufgenommen wie beispielsweise dem „Royal Inscriptions of Mesopotamia Project“ der Universität Toronto (seit 1979, zwischenzeitllich beendet).

Seit kurzem bildet die Sammlung wiederum die Grundlage für ein Projekt des Vorderasiatischen Museums und der Deutschen Orient-Gesellschaft, in dem verschiedene Forschungseinrichtungen zusammenarbeiten, um die Funde aus den Grabungen in Assur zusammenhängend zu bearbeiten. Zu den beteiligten Institutionen gehören insbesondere die Freie Universität Berlin mit einem von der DFG geförderten Projekt des Assyriologen Johannes Renger, und die Universität Heidelberg mit dem Kulttopographie-Projekt des für seine Arbeiten mit dem Leibniz Preis ausgezeichneten Altorientalisten Stefan Maul. Mangels geeigneter Sonderausstellungsräume, blieb die öffentliche Präsentation von Texten dagegen lange Zeit auf die fast unveränderte Dauerausstellung des Museums beschränkt. Nach der Renovierung und teilweisen Neuausstattung des Museums, die im Jahr 2000 abgeschlossen wurde, wurde die Gelegenheit genutzt, in den neu eingerichteten Vitrinen die enge Verbindung von Zeugnissen der schriftlichen Überlieferung mit denen der materiellen Kultur des alten Vorderasien durch entsprechende Zuordnungen sichtbar werden zu lassen. Den Schwerpunkt bildet dabei die durch die Funde im vorderasiatischen Raums gut dokumentierte Entstehung der ältesten bekannten Schriftkultur.

9. Erweiterung der Berliner Sammlung um Texte aus der Sammlung Erlenmeyer
Im Dezember 1988 wurden durch das Auktionshaus Christie's in London die Keilschrifttexte der privaten Erlenmeyer-Sammlung als Einzelstücke versteigert, die jahrzehntelang für die Öffentlichkeit und selbst für die Forschung unzugänglich gehalten wurden. Dabei wurde erstmals bekannt, daß diese Sammlung einen sensationellen Fund enthielt, eine geschlossene Gruppe von archaischen Schrifttafeln aus der frühesten Phase der Schriftentwicklung in teilweise ungewöhnlich gutem Erhaltungszustand. Aus der Tatsache, daß auf zahlreichen dieser Tafeln Vorgänge dokumentiert sind, die die gleichen Personen betreffen, läßt sich erschließen, daß diese Tafeln zur selben Zeit und im selben Verwaltungszentrum, möglicherweise sogar von denselben Personen geschrieben wurden. Auf dringende Bitte von Wissenschaftlern der Freien Universität Berlin und der Max-Planck-Gesellschaft unternahm der Senat von Berlin erfolgreich den Versuch, die Sammlung vor dem Schicksal zu bewahren, auseinandergerissen in privaten Sammlungen zu verschwinden, indem er die finanziellen Mittel zur Verfügung stellte, die erforderlich waren, um die Sammlung weitgehend zusammen zu halten und öffentlich zugänglich zu machen. Das Land Berlin beteiligte sich gemeinsam mit anderen Museen an der Versteigerung und erwarb den größten Teil der Sammlung. Die Texte wurden zunächst den Wissenschaftlern zur Edition und Bearbeitung zur Verfügung gestellt. Nach dem Abschluß dieser Arbeiten und einer Sonderausstellung im Schloß Charlottenburg wurden sie als Dauerleihgabe dem Vorderasiatischen Museum übergeben und bereichern seitdem die Berliner Sammlung.

10. Beteiligung an der Cuneiform Digital Library Initiative (CDLI)
Das Vorderasiatische Museum gehört zu den ersten assoziierten Mitgliedern der 1998 in Leben gerufenen Cuneiform Digital Library Initiative (CDLI). Diese internationale Initiative, an der sich zur Zeit zahlreiche Museen mit bedeutenden Keilschriftsammlungen beteiligen, ist ein ehrgeiziger Versuch, die Verwaltungsarchive der Stadtstaaten und Großreiche Mesopotamiens, deren archäologisch erschlossenen Funde über die Museen der Welt verstreut wurden, im Internet virtuell wiederherzustellen. Die Arbeiten an der primären Datenerfassung im VAM und die Entwicklung einer vorläufigen elektronischen Repräsentation der Daten laufen bis heute. Das Vorderasiatische Museum ist damit das erste der an dieser Initiative beteiligten Museen, das die bislang nur in den Depots lagernden Keilschrifttexte aus dem dritten Jahrtausend v. Chr. einem breiten Kreis von Wissenschaftlern und interessierten Museumsbesuchern im Internet zugänglich macht. Nach Abschluß der andauernden Arbeiten wird die vorläufige, gegenwärtige Form durch Vervollständigung der Umschriften und durch ein Zugangssystem über den historischen Inhalt der Texte erweitert werden.



Joachim Marzahn
Kustos, Vorderasiatisches Museum (25. Juni 2001)